Trauen sie mir bitte nicht über den Weg

Lasst uns den Int. Frauentag stark und solidarisch verbringen und zumindest einer Frau in irgendeiner Angelegenheit eine feministische und anerkennende Unterstützung sein! Immer, natürlich, aber heute ganz besonders! Ich bekenne mich zu gelebter Frauenfreundschaft und dem Willen, Emanzipation auch nur mein Zutun und Bemühen voranzutreiben. Es ist noch viel zu tun und ich gedenke, noch zu meinen Lebzeiten größere Fortschritte wahrnehmen zu können!

Trauen sie mir bitte nicht über den Weg.

Selbst dann nicht, wenn ich sie freundlich anblicke.

Ich führe auch da etwas im Schilde.

Meine Gedanken sind niemals harmlos,

und auf gar keinen Fall denke ich nicht oder an nichts.

Meine Sinne sind immer auf „scann“ gestellt,

ich nehme wahr, was um mich herum los ist, registriere, ordne und ordne zu.

Weil mein Geist beschäftig sein will,

ist er mit der 5-Meter-Grenze, dem Nachbarschaftsbereich,

nicht ausgelastet und scannt großflächig darüber hinaus.

Und darum fällt mir vieles auf.

So lange ich logische, klare, nachvollziehbare, seriöse und faire Erklärungen oder Antworten auf die Fragen, die sich aus dem Beobachteten ergeben, bekomme, bin ich zufrieden.

Doch wir alle leben lange genug auf dieser Welt um zu wissen: Die Antworten auf viele Fragen sind derart skurril, ungerecht, blöd, bösartig, menschenverachtend, selbstherrlich, kriminell, frauenfeindlich und unfair, dass sie eine kämpferische Natur nicht mehr loslassen und richtiggehend packen.

Fragen nach dem Sinn des Lebens lassen sich, auch wenn es hierauf keine klare Antwort gibt, ein Leben lang wälzen, ohne flammende Wut oder demütigende Resignation zu spüren.

Aber Fragen nach der anscheinend so komplizierten, immer noch unmöglich erscheinenden Umsetzung der Gleichberechtigung der Menschen unterschiedlichen Geschlechtes treiben eine wilde Natur schon gelegentlich in den Nahbereich eines Wutanfalls.

Wieso schafft es unsere Gesellschaft nicht, Frauen vor der Altersarmut zu bewahren?

Wieso schafft es unsere Gesellschaft nicht, gleichen Lohn für gleich viel Arbeit bereit zu stellen?

Wieso schafft es unsere Gesellschaft nicht, ein Elternpaar, dass die sehr vergnügliche Prozedur des Erschaffens neuen Lebens noch recht gleichberechtigt hinbringt, diese Eintracht auch im Verlauf des restlichen Kinderlebens zu gewährleisten, anstatt die Erziehung, Betreuung und den finanziellen Supergau, der manchmal damit verbunden ist, den Frauen umzuhängen?

Wieso schafft es unsere Gesellschaft nicht, Politik so zu gestalten, dass überall und jederzeit Frauen und Männer in gesellschaftsrepräsentativer Quantität vertreten sind?

Wieso schafft es unsere Gesellschaft nicht und nicht und nicht und nicht, die Geschlechterfrage ein für allemal so zu beantworten, dass eine nachvollziehbare, logische, konsequente, wertschätzende und richtige Argumentationskette auch zum zu erwartenden Resultat führt?

Wir wissen alle, dass es ungerecht ist, weniger Geld zu bekommen, weil man eine Frau ist.

Wir wissen alle, dass es ungerecht ist, dass die Kinderbetreuung im täglichen Nahkampf Großteils in Frauenhänden liegt und von der Gesellschaft nicht gedankt, sondern mit Altersarmut, kleinen Wiedereinsteigerinnengehältern und nachlässig zugeworfenen geringfügigen Zuverdienstbrocken quittiert wird.

Wir wissen alle, dass man uns die Alibi-Frauen in Top-Jobs, die anscheinend heute so mühelos auch für Frauen zu schnappen sind, nur unter die Nase reibt, um uns still zu kriegen. Natürlich gibt es sie, die umwerfend klugen Managerinnen, Politikerinnen und Stars. Doch sie sind nicht die Regel, sie sind die Ausnahme. Nach wie vor. Nicht weil wir Frauen blöder, langsamer oder unwilliger wären. Es sind die Lebensbedingungen mit Kindern, Familien, Altenbetreuung, Ehrenamtlichkeit, und vielem mehr einfach nicht kompatibel mit von Männern konstruierten Arbeitswelten, und das, obwohl es bei sehr geringem Bemühen ganz leicht möglich wäre, diese männer-, frauen-, familien-, und Migrantinnen gerecht umzugestalten.

Wir wissen alle, dass Geduld, Demut, Unterwürfigkeit, Lieblichkeit und das Bitten uns Frauen noch niemals einen Schritt nach vorne gebracht haben, und dennoch sind sie auf weiten Strecken noch das Model der Wahl.

Wir wissen alle, dass es unanständig ist, so wie es derzeit immer noch läuft.

Und ich werde nicht müde, dieses Ungleichgewicht, diese unverzeihlichen Missstände, diese gesellschaftliche Schande anzusprechen und gegen sie anzukämpfen.

Lassen sie sich nicht täuschen von meinem Äußeren.

Mögen sie auch einen ersten Eindruck gewinnen, weil sie eine liebenswerte, harmlos wirkende, mollige Blondine vor sich sehen.

Er führt sie in die Irre.

Blicken sie mir in die Augen, und sie erkennen sehr schnell, dass sie es mit einer wehrhaften, klugen, emanzipierten, frechen, lauten, selbstbewussten, argumentationsstarken und streitbaren Feministin zu tun haben.

Und niemals, wirklich niemals, werde ich aufhören, mich für Frauenrechte breit zu machen.

Niemals werde ich es verabsäumen, den jüngeren Frauen in meinem Umfeld die Leiter zu machen, wenn es mir möglich ist.

Niemals verliere ich die Lust am Dialog, die Streitbarkeit, die Motivation, für ein gesellschaftliches Modell auf Augenhöhe zu kämpfen.

Ich bin eine Feministin,

und alles andere als ein gutmütiges Großmütterchen.

Trauen sie mir nicht über den Weg, wenn sie ein Mensch sind, der Ungerechtigkeiten durchgehen lässt oder gutheißt, oder gar Frauen unterbuttert.

Ich bin zu vielem bereit, und zu vielem im Stande.

An meine Vision von einer gerechten Aufteilung der Welt zwischen Männern und Frauen glaube ich unerschütterlich.

Weil es richtig ist.

Weil es gerecht ist.

Der Tag wird kommen.

Und ich trage kraftvoll und engagiert meinen Teil dazu bei.

Trauen sie mir also nicht über den Weg, wenn sie jemand sind, der mich aufhalten will.

Kons. Monika Krautgartner

Aus „Von Männern, die schnarchen, und Haaren, die zu Berge stehen“, Arovell-Verlag

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